
Eine Nacht im Schnee Passt! / Bauhaus Magazin Winter 2023/24
Schlafen im Iglu wollte unser Autor schon immer mal und buchte ein besonderes Abenteuer im Bregenzerwald: erst den Berg hochstapfen, oben mit eigenen Händen ein Haus aus Schnee bauen – und dann die Nacht überstehen …
Plötzlich finden meine Füße keinen Halt mehr, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Gerade eben habe ich den Tunneleingang für das Iglu, der unterhalb der Kuppel und nur knapp über einem Abhang liegt, noch ein wenig breiter gemacht. Doch als ich rückwärtskriechend die abgeschlagenen Schneebrocken mit der Schaufel aus der Schneehöhle nach draußen bugsieren will, rutsche ich auf dem schrägen, vereisten Boden ab. Der glatte Gummianzug, den wir hier alle tragen, zeigt, dass er zwar gegen Nässe schützt, aber nicht vor einer Rutschpartie. Ruckzuck geht es über die Kante und in die Tiefe. Ein paar Meter sause ich bergab. Mitten in ein Loch, in unsere Feuerstelle, die Gott sei Dank schon vorher in den Hang gegraben worden war. Meine Rettung und jetzt der beste Platz, um durchzuatmen und mal alles von Anfang an zu erzählen.
9 UHR ANTRETEN IN ORANGE
Die Sonne ist über die Gipfel des Bregenzerwalds gestiegen und wärmt mein Gesicht. Mit einigen weiteren Unerschrockenen habe ich mich an einem Parkplatz am Rand des österreichischen Ortes Damüls, eine Autostunde von Bregenz entfernt, um Christoph Oberhauser versammelt. Christoph, von Beruf Outdoor-Guide und Erlebnispädagoge, , ist ein schlanker, drahtiger Typ um die sechzig. Sein schulterlanges gelocktes Haar wird von einem Stirnband im Zaum gehalten, während er ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpft. Zusammen werden wir heute mit Schneeschuhen hier auf 1400 Meter Höhe loslaufen, dann an einer von Christoph vorher ausgewählten Stelle zwei Iglus bauen und darin die Nacht verbringen. Rund sechs Stunden Zeit haben wir. Dann wird die Sonne wieder hinter den Gipfeln verschwinden – und unser Schneehaus sollte fertig sein.



Die Ausrüstung überreicht uns Christoph in fertig gepackten 80-Liter-Rucksäcken. Obenauf liegen knallig orangefarbene Gummiklamotten, komplett wasserdicht. Sie werden uns bei den Bauarbeiten mit Schnee zuverlässig trocken halten. Von außen – innen wird der Schweiß rinnen. Also rein in den grellen Allwetteranzug, in dem ich ein bisschen aussehe, als sei ich einem US-Sträflingstrupp entsprungen. Ich zwänge mich in die Klamotten, ziehe meine warmen Snowboardstiefel wieder fest (unbedingt eine Nummer größer leihen, damit sich die Körperwärme gut ausbreiten kann), schultere den Rucksack und binde die Schneeschuhe. Das Abenteuer kann beginnen.
11 UHR SCHNEE PRÜFEN
Nach einer kurzen Wanderung durch den Tiefschnee haben wir den Platz für unsere Iglus erreicht: hoch über einem engen Tal an einer Schneewechte, mit einem wunderbaren Panoramablick auf die Zweitausender des Bregenzerwalds mit so schönen Namen wie Zafernhorn, Zitter-klapfen oder Wildes Gräshorn. Ein Gebäude steht schon da, ein alter Heuschober, an den wir erst mal unsere Rucksäcke lehnen, um ohne Gepäck das Terrain zu erkunden. Unter uns sehen wir die Feuerstelle, die Christoph schon gestern für uns im Schnee ausgehoben hat. Später wird er hier für das Abendessen eine eiserne Feuerschale aufsetzen. Zum Glück erst nach meiner unfreiwilligen Rutschpartie in die Grube.
Dann prüft Christoph den Schnee. Und wir denken: Es sollte doch genug vorhanden sein. Denn der Ort Damüls wirbt damit, das „schneereichste Dorf der Welt“ zu sein – mit einer Summe von im Mittel 9,30 Meter gefallenem Neuschnee pro Jahr. Doch frischer Pulverschnee ist das Letzte, was wir jetzt brauchen. Für die Blöcke, aus denen wir unsere Iglus bauen, braucht es gepressten oder eingeblasenen Schnee.
Christoph nickt zufrieden und holt seine Lawinensonde heraus. Damit misst er jetzt die Tiefe des Schnees. Die ist nämlich wichtig für den unterirdischen Eingang des Iglus – und der wiederum entscheidend dafür, dass im Innern die Temperatur über null bleibt. „Denn in dem etwas tiefer liegenden Tunnel, den wir graben, sackt die Kälte später über den Kältegraben am Boden an der Innenseite des Iglus nach unten, und auf der Liegefläche habe ich konstant vier bis sechs Grad plus“, sagt Christoph und zieht die Sonde raus: „Zwei Meter, das passt!“


12 UHR DIE ARBEIT BEGINNT
Jetzt heißt es: keine Zeit mehr verlieren. Denn allzu lang wird uns die Sonne ihr Licht zum Arbeiten nicht schenken. Vier von uns häufen Schnee auf, um anschließend eine ebene Fläche festzutreten und so die Hanglage auszugleichen. Die anderen heben eine Art Steinbruch aus. Hier werden dann unsere Naturbausteine mit normalen Holzsägen herausgeschnitten. Christoph bevorzugt eine großzahnige Ytong-Säge. Gut 20 Kilogramm ist so ein Schneeblock schwer, einen halben Meter lang, 30 Zentimeter breit und tief. Rund 80 davon werden wir pro Iglu brauchen.
Christoph bereitet derweil die Stellfläche vor. Wuchtig rammt er einen Skistock, an den er einen blauen Kletterstrick geknotet hat, in den platt getretenen Schnee. Nach 1,30 Metern macht er einen Knoten ins Seil und zieht einen Kreis. So wissen wir, wo wir in die Höhe mauern müssen. Bald schleppe ich Block für Block an seinen Platz. Unter der Gummikleidung läuft der Schweiß. Ein Gefühl, als würde ich im Müllsack durch den Park joggen.
Während wir schuften, bereitet Christophs Lebensgefährtin Ursula das Essen vor. Den Mittagssnack mit Obst und Gemüse, Kaminwurzen, Käse, Brot und Keksen richtet sie wie ein kleines Büfett direkt im Schnee an. Dann macht sie sich an die indische Dal-Suppe, die es abends am Lagerfeuer geben wird. Auch die Sonne ist ein Stück weiter. Leider, denn uns wird es schon jetzt gefühlt minütlich kälter, und das schützende Igludach ist noch fern.
16 UHR NICHT MEHR VIEL ZEIT
Die Sonne ist verschwunden. Hinter den Felsspitzen ist nur noch ein zartrosa Streifen zu sehen. Wir müssen Gas geben. Luzian, ein kompakter Schweizer mit einnehmendem Lächeln, wartet schon auf den nächsten Schneequader. Keuchend liefere ich ab. Sofort sägt er ihn unten gerade ab, spannt den Kletterstrick vom Skistock zum Schneeblock und schneidet den Brocken entlang der Kante perfekt zu. Ohne Unterlass hat der gelernte Polier Block auf Block gesetzt. Es ist unglaublich, dass sie sich nach innen hängend aufeinandersetzen lassen. In Minutenschnelle sind die Blöcke festgefroren und fallen nicht herunter. „Stirnlampen aufsetzen“, ruft uns Christoph zu. „Bevor ihr sie in euren Rucksäcken nicht mehr findet.“ Der Mond steht bereits am Himmel. Sanft reflektieren die Berghänge sein Licht. Für die Orientierung am Boden indes geht es nicht ohne Lampe.
Und endlich: Mit dem finalen Schneeblock schließt sich die Kuppel über Luzian. Nun müssen wir uns nur noch unterirdisch ins Iglu hineingraben. Was, wie eingangs beschrieben, ja so seine Tücken haben kann. Nun, mein Abgang kommt unvorbereitet, die Schaufel abhanden, aber die Gruppe auch gleich zu Hilfe. Der Tunnel wird rechtzeitig fertig, mein erstes Iglu ist bezugsbereit.



19 UHR GESCHICHTEN AM LAGERFEUER
An der Feuerstelle blubbert die Linsensuppe über der Flamme. Der Geruch lässt Köstliches erahnen. „Gut habt ihr das heute hinbekommen, ihr Greenhorns“, sagt Christoph – und wir blicken stolz in den Sternenhimmel. Unser Guide sitzt hinter einer diffusen Wand aus Rauch. Sein wettergegerbtes Gesicht schimmert rot im Schein des Feuers, während er erzählt. In der Zeit seiner Ausbildung zum Outdoor-Guide habe er gelernt, wie man im Notfall in der winterlichen Natur überleben kann: „Einmal mussten wir mit einer Ausbildungsgruppe ein Notbiwak in Form einer Schneehöhle bauen, weil wir wegen Lawinengefahr die Hütte nicht mehr erreichen konnten.“ Einer der Teilnehmer und er selbst hätten noch nach einer Stelle mit Handyempfang gesucht, um die Bergrettung zu kontaktieren. „Als wir zurückkamen, war kein Platz mehr in der Schneehöhle. Um warm zu bleiben und die Nacht zu überstehen, liefen wir stundenlang einen Hang hinauf und hinab.“
Stumm löffele ich mehrere Teller Suppe und höre weiteren düsteren Geschichten zu: von erfrorenen Wandergruppen und schneeblinden Guides. Kurz nach zehn verabschiede ich mich und klettere ins Iglu. Bald darauf kommen auch die anderen in die nicht gerade warme, aber immerhin Plusgrade vorweisende Stube. Christoph dagegen wird heute Nacht draußen schlafen, bei zweistelligen Minustemperaturen.
Dazu reicht ihm die Ausrüstung, die ich jetzt vor mir ausbreite: Gummiunterlage, eine aufblasbare, sieben Zentimeter dicke Isomatte, ein wasserdichter Biwaksack und ein warmer Winterschlafsack, der bis minus fünfzehn Grad kuscheligen Komfort verspricht. In den soll, hat Christoph empfohlen, auch das, was wir am nächsten Tag anziehen wollen – damit die Sachen morgens nicht gefroren sind. Also alles reingestopft, selbst die noch nasse Skiunterwäsche. Die Müdigkeit kommt schnell, der Schlaf auch.

2 UHR EISKALTER SCHAUER
Irgendwann weckt mich bittere Kälte. Unter meiner Nase hat sich mein ganz persönlicher Permafrost gebildet, ich friere bis auf die Knochen. Gut, dass meine Kleidung im Schlafsack steckt. Wie ein Schlangenmensch winde ich mich in eine zweite Hose, verrenke mich, um in einen weiteren Pullover zu kommen, und bin erstaunt, dass die nasse Skiunterwäsche tatsächlich im Schlafsack trocken geworden ist. Froh über die geglückte Ankleidung stoße ich mich dann doch noch an der eisigen Decke. Eis rieselt herunter, ein kleiner Fluch, der meine Iglugenossen glücklicherweise nicht weckt. Ihr stetiges Atmen wirkt beruhigend, irgendwann schlafe ich wieder ein.
7 UHR ZURÜCK IN DIE ZIVILISATION
Es klingt komisch, aber es ist diese absolute Ruhe, die mich weckt. Leise schlüpfe ich aus meinem Schlafsack, steige in meine Schuhe und krieche – ganz vorsichtig, Sie wissen ja – durch den Tunnel ins Freie. Noch hat es die Sonne nicht über die Gipfel geschafft, doch der Horizont ist bereits strahlend gelb. Nach und nach kommen auch die anderen zum Vorschein, noch ein wenig eingefroren, gleichwohl glücklich und zufrieden, es einmal erlebt zu haben: eine Nacht im Iglu. Gegen halb zehn machen wir uns wieder auf den Rückweg in die Zivilisation. Ich laufe ein paar Schritte, ehe ich anhalte und mich noch einmal umdrehe. Schon fast eins mit der Landschaft liegen sie da, zwei weiße Kuppeln, stabile Häuser aus Schnee, von unserer Hand gebaut. Hoffentlich werden sie noch eine Weile stehen bleiben, bevor sie dahinschmelzen.



Eine Nacht im Schnee Passt! / Bauhaus Magazin Winter 2023/24
Schlafen im Iglu wollte unser Autor schon immer mal und buchte ein besonderes Abenteuer im Bregenzerwald: erst den Berg hochstapfen, oben mit eigenen Händen ein Haus aus Schnee bauen – und dann die Nacht überstehen …
Plötzlich finden meine Füße keinen Halt mehr, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Gerade eben habe ich den Tunneleingang für das Iglu, der unterhalb der Kuppel und nur knapp über einem Abhang liegt, noch ein wenig breiter gemacht. Doch als ich rückwärtskriechend die abgeschlagenen Schneebrocken mit der Schaufel aus der Schneehöhle nach draußen bugsieren will, rutsche ich auf dem schrägen, vereisten Boden ab. Der glatte Gummianzug, den wir hier alle tragen, zeigt, dass er zwar gegen Nässe schützt, aber nicht vor einer Rutschpartie. Ruckzuck geht es über die Kante und in die Tiefe. Ein paar Meter sause ich bergab. Mitten in ein Loch, in unsere Feuerstelle, die Gott sei Dank schon vorher in den Hang gegraben worden war. Meine Rettung und jetzt der beste Platz, um durchzuatmen und mal alles von Anfang an zu erzählen.
9 UHR ANTRETEN IN ORANGE
Die Sonne ist über die Gipfel des Bregenzerwalds gestiegen und wärmt mein Gesicht. Mit einigen weiteren Unerschrockenen habe ich mich an einem Parkplatz am Rand des österreichischen Ortes Damüls, eine Autostunde von Bregenz entfernt, um Christoph Oberhauser versammelt. Christoph, von Beruf Outdoor-Guide und Erlebnispädagoge, , ist ein schlanker, drahtiger Typ um die sechzig. Sein schulterlanges gelocktes Haar wird von einem Stirnband im Zaum gehalten, während er ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpft. Zusammen werden wir heute mit Schneeschuhen hier auf 1400 Meter Höhe loslaufen, dann an einer von Christoph vorher ausgewählten Stelle zwei Iglus bauen und darin die Nacht verbringen. Rund sechs Stunden Zeit haben wir. Dann wird die Sonne wieder hinter den Gipfeln verschwinden – und unser Schneehaus sollte fertig sein.




Die Ausrüstung überreicht uns Christoph in fertig gepackten 80-Liter-Rucksäcken. Obenauf liegen knallig orangefarbene Gummiklamotten, komplett wasserdicht. Sie werden uns bei den Bauarbeiten mit Schnee zuverlässig trocken halten. Von außen – innen wird der Schweiß rinnen. Also rein in den grellen Allwetteranzug, in dem ich ein bisschen aussehe, als sei ich einem US-Sträflingstrupp entsprungen. Ich zwänge mich in die Klamotten, ziehe meine warmen Snowboardstiefel wieder fest (unbedingt eine Nummer größer leihen, damit sich die Körperwärme gut ausbreiten kann), schultere den Rucksack und binde die Schneeschuhe. Das Abenteuer kann beginnen.
11 UHR SCHNEE PRÜFEN
Nach einer kurzen Wanderung durch den Tiefschnee haben wir den Platz für unsere Iglus erreicht: hoch über einem engen Tal an einer Schneewechte, mit einem wunderbaren Panoramablick auf die Zweitausender des Bregenzerwalds mit so schönen Namen wie Zafernhorn, Zitter-klapfen oder Wildes Gräshorn. Ein Gebäude steht schon da, ein alter Heuschober, an den wir erst mal unsere Rucksäcke lehnen, um ohne Gepäck das Terrain zu erkunden. Unter uns sehen wir die Feuerstelle, die Christoph schon gestern für uns im Schnee ausgehoben hat. Später wird er hier für das Abendessen eine eiserne Feuerschale aufsetzen. Zum Glück erst nach meiner unfreiwilligen Rutschpartie in die Grube.
Dann prüft Christoph den Schnee. Und wir denken: Es sollte doch genug vorhanden sein. Denn der Ort Damüls wirbt damit, das „schneereichste Dorf der Welt“ zu sein – mit einer Summe von im Mittel 9,30 Meter gefallenem Neuschnee pro Jahr. Doch frischer Pulverschnee ist das Letzte, was wir jetzt brauchen. Für die Blöcke, aus denen wir unsere Iglus bauen, braucht es gepressten oder eingeblasenen Schnee.
Christoph nickt zufrieden und holt seine Lawinensonde heraus. Damit misst er jetzt die Tiefe des Schnees. Die ist nämlich wichtig für den unterirdischen Eingang des Iglus – und der wiederum entscheidend dafür, dass im Innern die Temperatur über null bleibt. „Denn in dem etwas tiefer liegenden Tunnel, den wir graben, sackt die Kälte später über den Kältegraben am Boden an der Innenseite des Iglus nach unten, und auf der Liegefläche habe ich konstant vier bis sechs Grad plus“, sagt Christoph und zieht die Sonde raus: „Zwei Meter, das passt!“


12 UHR DIE ARBEIT BEGINNT
Jetzt heißt es: keine Zeit mehr verlieren. Denn allzu lang wird uns die Sonne ihr Licht zum Arbeiten nicht schenken. Vier von uns häufen Schnee auf, um anschließend eine ebene Fläche festzutreten und so die Hanglage auszugleichen. Die anderen heben eine Art Steinbruch aus. Hier werden dann unsere Naturbausteine mit normalen Holzsägen herausgeschnitten. Christoph bevorzugt eine großzahnige Ytong-Säge. Gut 20 Kilogramm ist so ein Schneeblock schwer, einen halben Meter lang, 30 Zentimeter breit und tief. Rund 80 davon werden wir pro Iglu brauchen.
Christoph bereitet derweil die Stellfläche vor. Wuchtig rammt er einen Skistock, an den er einen blauen Kletterstrick geknotet hat, in den platt getretenen Schnee. Nach 1,30 Metern macht er einen Knoten ins Seil und zieht einen Kreis. So wissen wir, wo wir in die Höhe mauern müssen. Bald schleppe ich Block für Block an seinen Platz. Unter der Gummikleidung läuft der Schweiß. Ein Gefühl, als würde ich im Müllsack durch den Park joggen.
Während wir schuften, bereitet Christophs Lebensgefährtin Ursula das Essen vor. Den Mittagssnack mit Obst und Gemüse, Kaminwurzen, Käse, Brot und Keksen richtet sie wie ein kleines Büfett direkt im Schnee an. Dann macht sie sich an die indische Dal-Suppe, die es abends am Lagerfeuer geben wird. Auch die Sonne ist ein Stück weiter. Leider, denn uns wird es schon jetzt gefühlt minütlich kälter, und das schützende Igludach ist noch fern.
16 UHR NICHT MEHR VIEL ZEIT
Die Sonne ist verschwunden. Hinter den Felsspitzen ist nur noch ein zartrosa Streifen zu sehen. Wir müssen Gas geben. Luzian, ein kompakter Schweizer mit einnehmendem Lächeln, wartet schon auf den nächsten Schneequader. Keuchend liefere ich ab. Sofort sägt er ihn unten gerade ab, spannt den Kletterstrick vom Skistock zum Schneeblock und schneidet den Brocken entlang der Kante perfekt zu. Ohne Unterlass hat der gelernte Polier Block auf Block gesetzt. Es ist unglaublich, dass sie sich nach innen hängend aufeinandersetzen lassen. In Minutenschnelle sind die Blöcke festgefroren und fallen nicht herunter. „Stirnlampen aufsetzen“, ruft uns Christoph zu. „Bevor ihr sie in euren Rucksäcken nicht mehr findet.“ Der Mond steht bereits am Himmel. Sanft reflektieren die Berghänge sein Licht. Für die Orientierung am Boden indes geht es nicht ohne Lampe.
Und endlich: Mit dem finalen Schneeblock schließt sich die Kuppel über Luzian. Nun müssen wir uns nur noch unterirdisch ins Iglu hineingraben. Was, wie eingangs beschrieben, ja so seine Tücken haben kann. Nun, mein Abgang kommt unvorbereitet, die Schaufel abhanden, aber die Gruppe auch gleich zu Hilfe. Der Tunnel wird rechtzeitig fertig, mein erstes Iglu ist bezugsbereit.



19 UHR GESCHICHTEN AM LAGERFEUER
An der Feuerstelle blubbert die Linsensuppe über der Flamme. Der Geruch lässt Köstliches erahnen. „Gut habt ihr das heute hinbekommen, ihr Greenhorns“, sagt Christoph – und wir blicken stolz in den Sternenhimmel. Unser Guide sitzt hinter einer diffusen Wand aus Rauch. Sein wettergegerbtes Gesicht schimmert rot im Schein des Feuers, während er erzählt. In der Zeit seiner Ausbildung zum Outdoor-Guide habe er gelernt, wie man im Notfall in der winterlichen Natur überleben kann: „Einmal mussten wir mit einer Ausbildungsgruppe ein Notbiwak in Form einer Schneehöhle bauen, weil wir wegen Lawinengefahr die Hütte nicht mehr erreichen konnten.“ Einer der Teilnehmer und er selbst hätten noch nach einer Stelle mit Handyempfang gesucht, um die Bergrettung zu kontaktieren. „Als wir zurückkamen, war kein Platz mehr in der Schneehöhle. Um warm zu bleiben und die Nacht zu überstehen, liefen wir stundenlang einen Hang hinauf und hinab.“
Stumm löffele ich mehrere Teller Suppe und höre weiteren düsteren Geschichten zu: von erfrorenen Wandergruppen und schneeblinden Guides. Kurz nach zehn verabschiede ich mich und klettere ins Iglu. Bald darauf kommen auch die anderen in die nicht gerade warme, aber immerhin Plusgrade vorweisende Stube. Christoph dagegen wird heute Nacht draußen schlafen, bei zweistelligen Minustemperaturen.
Dazu reicht ihm die Ausrüstung, die ich jetzt vor mir ausbreite: Gummiunterlage, eine aufblasbare, sieben Zentimeter dicke Isomatte, ein wasserdichter Biwaksack und ein warmer Winterschlafsack, der bis minus fünfzehn Grad kuscheligen Komfort verspricht. In den soll, hat Christoph empfohlen, auch das, was wir am nächsten Tag anziehen wollen – damit die Sachen morgens nicht gefroren sind. Also alles reingestopft, selbst die noch nasse Skiunterwäsche. Die Müdigkeit kommt schnell, der Schlaf auch.


