
ALLES IM KASTEN The Weekender 2024
Fotos: Fabian Zapatka & Fanny Hug
Text: Fabian Zapatka
Der Fotograf Fabian Zapatka ist nach Wien gereist, um die Stadt gemeinsam mit seiner Tochter per Fahrrad zu erkunden. Die Erkenntnis : Die Liebe zum Radfahren ist generationsübergreifend – und macht Hoffnung auf eine fahrradfreundliche Zukunft.
Im Wiener 15. Bezirk, ein Tag vor Halloween. Meine siebenjährige Tochter Fanny hüpft mir wenige Meter voraus. Wie ihre Füße von Pflasterstein zu Pflaster-stein springen, so springt auch ihr Blick zwischen dem Gehweg und dem iPhone-Display in ihrer Hand hin und her. Seit Fanny mein smartes Telefon bedienen kann, lenkt sie uns auf unbekannte Routen, hin zu neuen Zielen. Heute leitet uns – ausnahmsweise zu Fuß – Google Maps durch schmale Gassen. Eigentlich ist das Radeln unsere bevorzugte Art der gemeinsamen Fortbewegung. Meistens in Berlin, unserer Heimatstadt.
Jetzt aber sind wir in Wien unterwegs. Meine Mutter studierte hier am berühmten Max Reinhardt Seminar Schauspiel und schwärmt seitdem von der Stadt. Mit ihrer Begeisterung hat sie mich vermutlich angesteckt. Deshalb komme ich gerne in die Donau-Metropole – und nun das erste Mal mit meiner Tochter. Meine Freude am Radfahren hat wohl auch mit meiner Mutter zu tun. Ich erinnere mich, wie sie mit mir als Sechsjährigem hinten und meiner jüngeren Schwester vorne auf dem Rad durch München strampelte. Beigebracht hat mir das »Radln« später mein Vater. Es ging immer an der Isar entlang. Er lief schweiß überströmt neben mir her, während ich schimpfte, bis ich es konnte.


Mit Anfang zwanzig bin ich mit Vaters rotem Rennrad durch meine neue Heimat Berlin gekurvt. Häufig musste ich spezielle Werkstätten aufsuchen, die sich mit dem alten Material auskannten. Was nicht ganz einfach war, denn die ölverschmierten Mechaniker erkannten meine Inkompetenz sofort. Ich wurde von oben herab behandelt und habe manchmal zu hohe Summen bezahlt. Heute hoffe ich, dass Fanny als Erwachsene lernt, zumindest ihre kleineren Fahrradprobleme selbst zu lösen. Denn den männlichen Chauvinismus in den Fahrradwerkstätten braucht kein Mensch. Viel besser fände ich Orte, in denen man etwas über die Mechanik lernt und auf Augenhöhe behandelt wird. Und genau so einen Ort gibt es in Wien – bei den »Velopeaches».
An diesem Montag vor Halloween finden wir die Werkstatt allerdings mit heruntergelassenen Rollos vor, denn es ist ein Feiertag. Ein kleiner Spalt in der Eingangstür des Eckladens verrät uns aber, dass auch heute hier geschraubt wird. Wir klopfen an eines der Schaufenster – und Mischa Ehrne, eine der drei »Velo Peaches« öffnet die Tür. Ich erzähle ihr, dass wir an diesem Morgen recht orientierungslos am Wiener Hauptbahnhof standen, nachdem der »Nightjet« uns über Nacht durch Polen und die Slowakei nach Wien gebracht hat. Und dass ich meiner Tochter nun gerne diese progressive Werkstatt zeigen möchte. Da bittet sie uns schließlich herein. Lässig steht Mischa im Türbogen zur gemütlichen kleinen Ladenküche. Unser Rad würde ich ihr sofort anvertrauen. Während ich und Mischa sprechen, fotografiert Fanny fleißig mit einer analogen Kompaktkamera.





Das Konzept des feministischen Fahrradladens ist es, sich den Kunden gegenüber nicht überlegen zu zeigen, niemand soll hier eingeschüchtert werden. Zusammen mit Ana Powdrill und Jovina Unterberger hat Mischa Ehrne die Werksatt 2021 aufgemacht. Die drei Frühdreißiger kennen sich vom Fahrradpolo – einem sehr harten Sport. So hart, dass die Räder ständig in die Brüche gehen. Daher ist es von Vorteil, sie auch selbst reparieren zu können. Die drei »Velo Peaches« haben anfangs in verschiedenen Werkstätten gearbeitet. Aber trotz ihres handwerklichen Geschicks wurden sie in diesen nicht ernst genommen. Und so entstand die Idee zur eigenen Werkstatt, einem Ort, an dem alle Menschen, unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität, am Reparaturprozess beteiligt sind. Fanny fotografiert inzwischen vor der Werkstatt, und ich betrachte die Räder im Schaufenster. Alles windschnittige Gefährte.
Seit Fanny ein Jahr alt ist, fahre ich gemeinsam mit ihr auf einem Lastenrad durch den Alltag. Das »Christiania« war damals wohl das erste Lastenrad und stammt aus dem gleichnamigen Stadtteil von Kopenhagen. Die stabile Kiste war bei uns immer vollgeladen mit Spielsachen, Bällen, Straßenkreiden, Decken und Kissen.
Obwohl Fanny seit ihrem dritten Geburtstag selbst Fahrrad fährt, sitzt sie in diesen Tagen geschützt in der Kiste vor mir und fotografiert die Fiaker, die wir überholen. Um elektrisch angetrieben durch Wien zu kreuzen, haben wir ein E-Cargobike für die nächsten Tage geliehen. So erkunden Fanny und ich die Stadt und radeln Runde um Runde auf dem Ring.
Einst habe ich Kopenhagen für den Komfort seiner Radwege beneidet. Inzwischen sind aber auch in Berlin und hier in Wien moderne Radwege entstanden, die mehr Platz und weniger Gefahr bieten. Es gibt ganze Fahrspuren, die früher den Autos vorbehalten waren und jetzt für Fahrräder vorgesehen sind. Oft sogar geschützt durch Poller und mit grünen Markierungen als Fahrradstraßen ausgewiesen – leider meist nur in der Innenstadt.


An einem trüben Morgen nach Halloween beschließen wir, den Prater zu besuchen. Wie die meisten Wienbesucher meine ich hier den ganzjährigen Rummelplatz »Wurstelprater«, der eigentlich nur einen kleinen Teil der als Prater bezeichneten Auenlandschaft an der Donau ausmacht. Das gewaltige Riesenrad und die altertümlichen Fahrgeschäfte sind in Nebel gehüllt und hinter jeder Ecke stehen schaurige Pappmonster, die uns in die Geisterbahnen locken wollen. Während wir eine erste Runde über das Gelände drehen, haben die Spukhäuser, Spiegelkabinette, Achterbahnen und auch das Riesenrad noch geschlossen. So früh verirren sich eigentlich keine Gäste auf den Rummelplatz. Später besteigen wir dann doch noch eine der Kabinen des Riesenrads, das uns ganz gemächlich hoch über die Stadt führt. Fanny fotografiert die Wiener Skyline – und kurz bevor die Runde zu Ende geht, erblicken wir am Horizont die Alpen. Was für ein schöner Moment!








ALLES IM KASTEN The Weekender 2024
Fotos: Fabian Zapatka & Fanny Hug
Text: Fabian Zapatka
Der Fotograf Fabian Zapatka ist nach Wien gereist, um die Stadt gemeinsam mit seiner Tochter per Fahrrad zu erkunden. Die Erkenntnis : Die Liebe zum Radfahren ist generationsübergreifend – und macht Hoffnung auf eine fahrradfreundliche Zukunft.
Im Wiener 15. Bezirk, ein Tag vor Halloween. Meine siebenjährige Tochter Fanny hüpft mir wenige Meter voraus. Wie ihre Füße von Pflasterstein zu Pflaster-stein springen, so springt auch ihr Blick zwischen dem Gehweg und dem iPhone-Display in ihrer Hand hin und her. Seit Fanny mein smartes Telefon bedienen kann, lenkt sie uns auf unbekannte Routen, hin zu neuen Zielen. Heute leitet uns – ausnahmsweise zu Fuß – Google Maps durch schmale Gassen. Eigentlich ist das Radeln unsere bevorzugte Art der gemeinsamen Fortbewegung. Meistens in Berlin, unserer Heimatstadt.
Jetzt aber sind wir in Wien unterwegs. Meine Mutter studierte hier am berühmten Max Reinhardt Seminar Schauspiel und schwärmt seitdem von der Stadt. Mit ihrer Begeisterung hat sie mich vermutlich angesteckt. Deshalb komme ich gerne in die Donau-Metropole – und nun das erste Mal mit meiner Tochter. Meine Freude am Radfahren hat wohl auch mit meiner Mutter zu tun. Ich erinnere mich, wie sie mit mir als Sechsjährigem hinten und meiner jüngeren Schwester vorne auf dem Rad durch München strampelte. Beigebracht hat mir das »Radln« später mein Vater. Es ging immer an der Isar entlang. Er lief schweiß überströmt neben mir her, während ich schimpfte, bis ich es konnte.


Mit Anfang zwanzig bin ich mit Vaters rotem Rennrad durch meine neue Heimat Berlin gekurvt. Häufig musste ich spezielle Werkstätten aufsuchen, die sich mit dem alten Material auskannten. Was nicht ganz einfach war, denn die ölverschmierten Mechaniker erkannten meine Inkompetenz sofort. Ich wurde von oben herab behandelt und habe manchmal zu hohe Summen bezahlt. Heute hoffe ich, dass Fanny als Erwachsene lernt, zumindest ihre kleineren Fahrradprobleme selbst zu lösen. Denn den männlichen Chauvinismus in den Fahrradwerkstätten braucht kein Mensch. Viel besser fände ich Orte, in denen man etwas über die Mechanik lernt und auf Augenhöhe behandelt wird. Und genau so einen Ort gibt es in Wien – bei den »Velopeaches».
An diesem Montag vor Halloween finden wir die Werkstatt allerdings mit heruntergelassenen Rollos vor, denn es ist ein Feiertag. Ein kleiner Spalt in der Eingangstür des Eckladens verrät uns aber, dass auch heute hier geschraubt wird. Wir klopfen an eines der Schaufenster – und Mischa Ehrne, eine der drei »Velo Peaches« öffnet die Tür. Ich erzähle ihr, dass wir an diesem Morgen recht orientierungslos am Wiener Hauptbahnhof standen, nachdem der »Nightjet« uns über Nacht durch Polen und die Slowakei nach Wien gebracht hat. Und dass ich meiner Tochter nun gerne diese progressive Werkstatt zeigen möchte. Da bittet sie uns schließlich herein. Lässig steht Mischa im Türbogen zur gemütlichen kleinen Ladenküche. Unser Rad würde ich ihr sofort anvertrauen. Während ich und Mischa sprechen, fotografiert Fanny fleißig mit einer analogen Kompaktkamera.





Das Konzept des feministischen Fahrradladens ist es, sich den Kunden gegenüber nicht überlegen zu zeigen, niemand soll hier eingeschüchtert werden. Zusammen mit Ana Powdrill und Jovina Unterberger hat Mischa Ehrne die Werksatt 2021 aufgemacht. Die drei Frühdreißiger kennen sich vom Fahrradpolo – einem sehr harten Sport. So hart, dass die Räder ständig in die Brüche gehen. Daher ist es von Vorteil, sie auch selbst reparieren zu können. Die drei »Velo Peaches« haben anfangs in verschiedenen Werkstätten gearbeitet. Aber trotz ihres handwerklichen Geschicks wurden sie in diesen nicht ernst genommen. Und so entstand die Idee zur eigenen Werkstatt, einem Ort, an dem alle Menschen, unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität, am Reparaturprozess beteiligt sind. Fanny fotografiert inzwischen vor der Werkstatt, und ich betrachte die Räder im Schaufenster. Alles windschnittige Gefährte.
Seit Fanny ein Jahr alt ist, fahre ich gemeinsam mit ihr auf einem Lastenrad durch den Alltag. Das »Christiania« war damals wohl das erste Lastenrad und stammt aus dem gleichnamigen Stadtteil von Kopenhagen. Die stabile Kiste war bei uns immer vollgeladen mit Spielsachen, Bällen, Straßenkreiden, Decken und Kissen.
Obwohl Fanny seit ihrem dritten Geburtstag selbst Fahrrad fährt, sitzt sie in diesen Tagen geschützt in der Kiste vor mir und fotografiert die Fiaker, die wir überholen. Um elektrisch angetrieben durch Wien zu kreuzen, haben wir ein E-Cargobike für die nächsten Tage geliehen. So erkunden Fanny und ich die Stadt und radeln Runde um Runde auf dem Ring.
Einst habe ich Kopenhagen für den Komfort seiner Radwege beneidet. Inzwischen sind aber auch in Berlin und hier in Wien moderne Radwege entstanden, die mehr Platz und weniger Gefahr bieten. Es gibt ganze Fahrspuren, die früher den Autos vorbehalten waren und jetzt für Fahrräder vorgesehen sind. Oft sogar geschützt durch Poller und mit grünen Markierungen als Fahrradstraßen ausgewiesen – leider meist nur in der Innenstadt.


An einem trüben Morgen nach Halloween beschließen wir, den Prater zu besuchen. Wie die meisten Wienbesucher meine ich hier den ganzjährigen Rummelplatz »Wurstelprater«, der eigentlich nur einen kleinen Teil der als Prater bezeichneten Auenlandschaft an der Donau ausmacht. Das gewaltige Riesenrad und die altertümlichen Fahrgeschäfte sind in Nebel gehüllt und hinter jeder Ecke stehen schaurige Pappmonster, die uns in die Geisterbahnen locken wollen. Während wir eine erste Runde über das Gelände drehen, haben die Spukhäuser, Spiegelkabinette, Achterbahnen und auch das Riesenrad noch geschlossen. So früh verirren sich eigentlich keine Gäste auf den Rummelplatz. Später besteigen wir dann doch noch eine der Kabinen des Riesenrads, das uns ganz gemächlich hoch über die Stadt führt. Fanny fotografiert die Wiener Skyline – und kurz bevor die Runde zu Ende geht, erblicken wir am Horizont die Alpen. Was für ein schöner Moment!






